„Ich kann’s nur anbieten, andere Leute sollten das vielleicht auch versuchen. Nicht so wie ich, ewig da rumdümpeln.“

„Ich kann’s nur anbieten, andere Leute sollten das vielleicht auch versuchen. Nicht so wie ich, ewig da rumdümpeln.“

Geboren wurde René Müller in Halberstadt in Sachsen-Anhalt (DDR). Mit 1 ½ Jahren zog seine Mutter mit ihm nach Thale im Bodetal (Sachsen-Anhalt), wo sie mit dem Stiefvater und einer zwei Jahre älteren Stiefschwester zusammen zogen. Es folgten viele weitere Umzüge, bis Herr Müller am 12. August 2015 zum HOI-Verein nach Kempten kam. Auslöser war eine Alkohol-Entgiftungskur und die Langzeit-Therapie in Hirtenstein und die Empfehlung einer Mitarbeiterin. „Da ging’s ja dann darum: Was mache ich, wenn die Therapie zu Ende ist? Wo gehe ich hin? Zurück wollt ich nicht.“ Im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) wohnt Herr Müller nun knapp ein Jahr in der Wohngemeinschaft in Waltenhofen-Rauns. Das Leben dort ist „ganz okay“, was so viel bedeutet wie gut. Die Mitbewohner sind eine wichtige Stütze für ihn, wie ein zwischenzeitlicher Krankheitsrückfall verdeutlicht. „Also das war halt gut, dass die dann auch wieder auf mich zugekommen sind: Jetzt komm halt raus da aus deinem Kabuff. Hätten ja sagen können: Komm, lass doch das Arschloch da drüben.“ Dennoch habe es gedauert, bis das Vertrauen den Mitbewohnern gegenüber wieder da war. „Es hat mich keiner fallen gelassen“, weiß Herr Müller nach der Überwindung der schwierigen Situation zu schätzen.

 

Von Beruf ist Herr Müller gelernter Schlosser. In diesem Beruf war er drei Jahre lang tätig, bevor er sich auf Isolierungen spezialisierte. „Ich hab’s nicht gelernt, aber ich hab’s lang genug gemacht. Und das ist eigentlich eine schöne Arbeit. Ab und zu juckt’s halt ein bisschen.“ Beim HOI-Verein begann Herr Müller schnell damit, sich überdurchschnittlich aktiv im vereinseigenen Dienstleistungsservice zu engagieren, zunächst gegen Ehrenamts-Pauschale. Seit kurzem ist Herr Müller - gefördert vom Jobcenter – befristet bei HOI! angestellt. Nach 10 Jahren Arbeitslosigkeit hat er nun wieder einen Arbeitsvertrag erhalten, was für ihn ein sehr wichtiger Schritt ist. Die Arbeit gefällt ihm. „Nee, ohne Schmarren, ich mach das schon gerne, weil das ist halt ne Arbeit, wo ich immer in Bewegung bin. Das ist zwar für mein Kreuz nicht immer gut, weil’s ja teilweise auch schwer ist. Ist ja klar. Aber, es macht halt Spaß, weil die Kollegen sind okay.“

 

Die Freude an der Bewegung zeigt sich auch in Herrn Müllers Begeisterung für das Fahrradfahren. Wind und Wetter können ihn nur sehr selten davon abhalten, den ca. 7 Km langen Arbeitsweg von Waltenhofen - Rauns bis Kempten auf dem Drahtesel zu bewältigen. Er habe bisher aber auch relativ Glück mit dem Wetter gehabt, spielt Herr Müller das Lob Frau Krappmanns herunter. „Ja gut, wenn du in der Arbeit dann schon patschnass ankommst, dann hast du natürlich Lust wie ne fette Sau hupfen kann. Ist ja klar. Aber bei der Arbeit wird’s so schnell warm, so schnell trocknet das noch nicht mal im Trockner.“

 

Kontakt zu seiner Familie hat Herr Müller heute keinen mehr. „Teilweise überleg ich: Mei, das wär doch mal schön. Aber das ist dann innerhalb von `ner Viertelstunde wieder weg. Ich bin halt lieber einer, der alleine durch die Gegend eiert.“  Motivation und Durchhaltevermögen findet er in seinen Kollegen, Mitbewohner/-innen und den HOI-Mitarbeiter/-innen. „Ich bin halt nicht ganz alleine. Also, es ist eigentlich immer jemand da, wenn irgendwas sein sollte.“ Auch die abwechslungsreiche Struktur schätzt er sehr, denn Herr Müller ist einer der wenigen Klienten, der quasi das Rundumpaket des HOI-Vereins in Anspruch nimmt.

 

Nachdem er viel herumgekommen ist, versucht Herr Müller, im Allgäu Fuß zu fassen. Er träumt von einer eigenen kleinen Wohnung und einer Anstellung in Vollzeit in einem normalen Job. „Könnt ich mir vorstellen, aber da muss man ja erst mal das Richtige finden. Und da bin ich mir noch nicht sicher, wie und was. Ich glaub, das ist noch ein bisschen zu früh, wenn ich jetzt gleich Vollgas mach.“ Als Hobby könnte er sich Tischtennis vorstellen. „Das würd mich schon mal interessieren, aber ich weiß nicht. Entweder hab ich nicht den Mumm, da hin zu gehen oder wenn ich Zeit hätte, hin zu gehen, dann hab ich keine Lust oder es regnet.“ „Ich mache viel Sport - vor dem Fernseher. Ich bin ein sportbegeisterter Fernsehgucker“, scherzt er. Anderen Betroffenen möchte er seine Erfahrungen mitgeben, nicht erst „ wenn’s schon fast zu spät ist anfangen damit, was zu machen. Also, was zu unternehmen, so mein ich. Das hätt ich normal vor zwanzig Jahren schon machen sollen.“

 

 

„Dramatik ist in meinem Leben, keine Frage, aber der Humor ist geblieben“

 

Interview mit Herrn Thaddäus Skorta (*1979, 37 Jahre)

 

Thaddäus Skorta ist als Dreijähriger mit seiner Familie aus Chiechanow / Polen nach Deutschland gekommen; er  wuchs mit seinen beiden Geschwistern in Kempten auf. Er arbeitete für unterschiedliche Zeitarbeitsfirmen, u. A. als Gabelstaplerführer, hat seither gesundheitliche Probleme: „Früher war Arbeit eigentlich ein Muss. Ein Muss war das! Gefallen tut’s da niemandem“. Der Verlust seiner Eltern 2010 und 2012 sowie Streitigkeiten mit den Geschwistern führten zum „Absturz“ von Herrn Skorta, inklusive Drogenkonsums. „Die Situation mit meiner Mutter und mit meinem Vater, glaube ich, wäre nicht so dramatisch geworden, wenn ich schon vorher bei so was (wie HOI) gelandet wäre. Ich bin deswegen auch in der Klinik gelandet, und da war so die Stunde Null.“ In dieser Zeit sei er irgendwie beim HOI gelandet.

 

So verdanke er beispielsweise seine aktuelle Beschäftigung dem HOI!-Verein. Herr Skorta verdient sich im Holzwerkhaus der Diakonie etwas zur Erwerbsminderungsrente dazu. „Die Arbeitszeit ist total genial. Jeder hat so seinen Aufgabenbereich, und die kümmern sich halt um uns.“ Vor allem das „Nagelstudio“ gefällt Herrn Skorta. Hier werden die Nägel aus alten Brettern heraus gezogen. „Und schauen Sie (zeigt auf das neue Regencape): Meine Arbeit ist halt immer draußen – dann macht’s mir mit dem Wetter nichts mehr aus“. 

 

Die Wohnung von Herrn Skorta ist sehr persönlich eingerichtet, mit vielen Fotos und Erinnerungen an seine Eltern. Unter den Erbstücken ist auch der Schrebergarten, den er mit Liebe pflegt und genießt. „Vor einiger Zeit war das unvorstellbar hier, von wegen Hygiene. Ist halt wie `ne zweite Wohnung, ich hab da auch `ne Couch drin; ich hab alles da, Werkzeuge, Grill…Das sind so Hoffnungen, wo ich sag, die Sozialarbeit organisiert dort, wo man was braucht. So alleine alles zu machen, das wär ja ne Katastrophe“.

 

Außerdem liest Herr Skorta gerne und hört Heavy Metal. „Nur die Harten kommen in den Garten… Das ist eine Lebenseinstellung.“ Seinen Alltag meistert er wieder ordentlich und organisiert. Beispielsweise führt Herr Skorta Buch über seine Einnahmen und Ausgaben. „Träume sind Träume und Realität sieht so aus. Und seitdem kämpf ich halt für mein Ding. Man muss irgendwo realisieren.“ Er freut sich über die Erfüllung kleiner Träume, wie den Kauf eines neuen Mofas. Seinen Traum, mit einer Frau und Kindern im eigenen Haus in Polen zu leben, hat er dagegen quasi aufgegeben. „Aber das werde ich wohl nie mehr haben. Ist halt schade, allein hier.“

 

Die Zusammenarbeit mit dem HOI-Verein ist Herrn Skorta sehr wichtig, und er ist zufrieden mit den Leistungen. „Soziale Arbeit für meine Wenigkeit ist top.“

 

Insgesamt ist Herr Skorta mit seiner aktuellen Situation zufrieden. Die Zeit nach den Beerdigungen war schlimm, doch jetzt geht es ihm besser und er hat Hoffnung. „Ich darf halt alles so gesehen. Ich darf halt nur keinen Blödsinn mehr machen.“

„Da wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder!“

Der geborene Allgäuer Franz Liebmann hat als Jugendlicher den Beruf des Landmaschinen-Mechanikers erlernt. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr folgte eine 16-jährige Tätigkeit als Staplerfahrer auf dem Schrottplatz. Danach zog er 5 Jahre lang seine zwei Kinder groß. Nach einer Tumoroperation war Herr Liebmann in den Allgäuer Werkstätten tätig. Es folgte ein Jahr in der Küche der Diakonie, bis er letztendlich im Oktober 2015 beim HOI Verein gelandet ist. Ausschlaggebend war die Unzufriedenheit mit den vorherigen Tätigkeiten.

 

Herr Liebmann fühlt sich nun beim HOI Verein gut aufgehoben. Er konnte wieder ein paar Schritte in seinem Leben nach vorne gehen. „Hier fühle ich mich nicht gehemmt auf meine Ansprechpartner zuzugehen.“ Die Arbeit im Wertstoffhof macht er gerne. Durch die konkrete Aufgabenstellung - meist beim Mischpapier - ist ihm klar, was er zu tun hat. Ihm ist „Schaffen wichtiger als Medikamente“.

Die Leitung unter Herrn Moosbauer findet Herr Liebmann hervorragend, auch mit den meisten Kollegen kommt er gut zurecht. „Mit gewissen Arbeitskollegen läuft die Zusammenarbeit sehr gut, da läuft dann alles automatisch.“ Andererseits findet er manche Kollegen unzuverlässig, dadurch verteile sich die Arbeit manchmal ungerecht. Kollegen sollten sich in seinen Augen partnerschaftlich verhalten: „Manche führen sich auf wie der Chef und wollen mich herumkommandieren.“

Er selbst sieht sich als „fleißigen und zuverlässigen Mitarbeiter“, jedoch fällt es ihm manchmal schwer, die Materialien auseinander zu halten.

 

Seine große Leidenschaft ist Musik. In seiner Freizeit hört Herr Liebmann gerne Schallplatten. Auch kann er eine große Sammlung mit einigen Unikaten vorweisen. Er ist ein fester Bestandteil der Tanzkapelle „The Melodies“, die früher mit Schlager, Volksmusik, Oldies und Evergreens auf Geburtstagen und Hochzeiten Stimmung verbreiteten. Eine Zeit im Männerchor, wo er oftmals Solos singen durfte, kann er ebenso vorweisen. Heute noch spielt er alle 14 Tage Schlagzeug. Sportlich betätigte sich Herr Liebmann lang im Kemptener Eishockey-Verein, wo er damals 2. Bundesliga spielte.

 

Große Unterstützung erhält er von seinen zwei Jungs und von seiner Freundin Monika, mit denen er gerne gemeinsam kocht. Laute Musik und das Singen helfen ihm im Leben. „Ich brauche laute Musik zum Abschalten“. An einem ganz normalen Tag darf seine „Humorbrühe“ (sein Kaffee) nicht fehlen, die ihn glücklich macht.

 

Herr Liebmann beschreibt sich selbst als lässigen und geselligen Typen, der „immer einen lockeren Spruch drauf“ hat. Ihm ist Beschäftigung sehr wichtig, denn er mag keine Langeweile. „Da habe ich das Gefühl, dass ich nicht gebraucht werde.“

 

Herr Liebmann träumt von einem Umzug nach Usedom, wo er am liebsten eine Kneipe aufmachen möchte. Ein weiterer Traum von ihm ist eine Fahrt im Rolls Royce oder Bentley mit einem Chauffeur namens James. Er und seine Monika mit Sonnenbrille auf der Rückbank, im Radio läuft „Dancing Queen“ von Abba. 

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