Interview mit Marina Bongé

am 01.07.2020

Eine Frau wird zur Expertin ihrer Krankheit

Marina Bongé hat ihr ganzes Leben lang Schwierigkeiten, mit den Menschen und den Anforderungen um sie herum mitzuhalten. Erst spät bemerkt sie, dass etwas mit ihr nicht stimmt, aber kein Facharzt kann eine treffende Diagnose stellen. Frau Bongé erzählt, wie sie nach jahrelangem Kampf endlich zu sich und ihrer Krankheit findet und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat.

Die ersten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Magdeburg, worauf ein häufiger Wohnortwechsel folgte. Als Kind hatte sie es nicht leicht, denn ihre Mutter war mit dem unruhigen, ungeduldigen Kind überfordert. Nach zwei abgeschlossenen Ausbildungen, deren Berufsbilder nicht ihren Wünschen entsprachen, wagte sie in der Zeit der Wende den Schritt in eine dritte Berufsqualifizierung zur Physiotherapeutin. Die Ausbildung kostete sie sehr viel Kraft, denn neben Mobbing ihrer Mitschüler/innen war sie auch noch mit erheblichen Merkfähigkeitsstörungen und quälenden Kopfschmerzen konfrontiert. Es fiel ihr sehr schwer, die Zusammenhänge zu verstehen und den Stoff in der Berufsschule in der kurzen Zeit aufzunehmen. „Da hab ich dann halt nur Mitgeschrieben (…) und dann hab ich Zuhause gelernt, anschließend, also nach den acht Stunden weitergelernt“. Die Doppelbelastung verursachte Erschöpfungszustände und hatte zur Folge, dass sie immer häufiger krankgeschrieben werden musste. Die Prüfungen konnte sie mithilfe von fleißigem auswendig lernen meistern und so schaffte sie den Abschluss als eine von wenigen Mitschüler/innen. Heute erinnert sie sich: „mir gings da überhaupt nicht gut, in der Ausbildung“. Sie lernte früh, sich anzupassen und eine Fassade aufzubauen, die ihre Schwierigkeiten im Alltag den Mitmenschen gegenüber verschleiert.

Die gesundheitlichen Probleme der Absolventin wurden jedoch immer schlimmer, sodass anschließend eine Zeit der Krankheit und ein Umzug nach München folgten. „Es hat unglaublich viel Kraft gekostet“, doch in der neuen Umgebung begann sie eine Arbeitsstelle in ihrem Ausbildungsberuf. Zunächst hatte sie einen guten Start unter netten Kolleg/innen, doch schon bald wendete sich auch hier das Blatt. Die Arbeit rief bei ihr vollkommene Erschöpfung hervor. Sie erinnert sich an extreme Kopfschmerzen, die sie oft erst am Feierabend bemerkte. Auch die Kolleg/innen merkten, dass sie Schwierigkeiten hatte, die normalen Arbeitsabläufe zu bewältigen und das immer wieder Fehler passierten. Zu dieser Zeit konnte sich Frau Bongè noch nicht erklären, warum ihr die Alltagsbewältigung so schwerfiel.

Sie fühlte sich überfordert und hatte Probleme, die Aufgaben zu koordinieren und zu verstehen. Die Selbstzweifel wurden immer stärker „und dann hab ich mir plötzlich eingebildet, dass ich die Ausbildung geschenkt bekommen hab, oder gar nicht geschafft hab, und dann hab ich Albträume gekriegt“. Nach mehrfachem Wechsel von Arbeit und Krankschreibung schlug ihr eine erfahrene Kollegin vor, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Erst zu diesem Zeitpunkt bemerkte sie, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Auch die Fachkraft erkannte schnell, dass Frau Bongé professionelle Hilfe benötigte. Verschiedene ambulante und stationäre Einrichtungen versuchten jahrelang eine passende Diagnose zu stellen, doch nie konnte ein Krankheitsbild die Herausforderungen erklären, mit denen die starke Frau zu kämpfen hatte.

Über den Klinikaufenthalt in Bad Grönenbach ist sie ins Allgäu gekommen. Hier hatte sie viel Freundlichkeit, Zugewandtheit und respektvolle Behandlung erfahren, sodass sie von der Therapie profitieren und gestärkt einen Neuanfang im südlichen Deutschland wagen konnte. „Ich hab mich von Anfang an hier besser gefühlt, hab mich wohl gefühlt, hier im Allgäu.“ Die Rente gab ihr die Zeit, zu sich zu finden und selbstständig Recherchen zu ihrem Krankheitsbild anzutreten. Im Internet ist sie auf einen Artikel gestoßen, der ihr zunächst die Fassung nahm. Erstmals las sie die beschrieben Symptome und erkannte sich in all ihren Lebenslagen. Sie vernahm die Anzeichen und hörte plötzlich die Stimme ihrer Mutter, wie sie ihr Kind beschrieb. Endlich konnte sie sich in der Krankheit FASD (eng. Fetal Alcohol Spectrum Disorders) identifizieren. FASD ist eine Behinderung, die auf Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Ein Facharzt in der Berliner Charite konnte die Diagnose bestätigen.

Die Behinderung war die Ursache für das multiple Krankheitsbild und hat die Schwierigkeiten der Alltagsbewältigung seit dem ersten Tag verursacht. Frau Bongè musste lange auf eine Erklärung warten, doch jetzt kann sie entspannter damit umgehen. Sie beschreibt ihr Leben zwar bis heute als chaotisch und anstrengend, doch sie lernt besser damit umzugehen und sich die Behinderung einzugestehen. Sie freut sich, wenn sie zwei oder drei Tage am Stück keine Verpflichtungen hat und so den Druck herausnehmen kann. Gerne ist sie draußen, liest oder geht mit Freunden in den Bergen wandern.

Unterstützung erhält sie von den Fachkräften der Diakonie und des HOI Vereins. Sie lernt fremde Hilfe zuzulassen und zu vertrauen. Gemeinsam mit den HOI Mitarbeiter/innen hat sie eine Soziotherapie begonnen und kann auch die anstrengenden Facharztbesuche besser meistern.

Für die Zukunft wünscht sie sich einen zuverlässigen, festen Freundeskreis, mehr Ordnung in ihrem Umfeld und natürlich Gesundheit. Außerdem würde sie gerne ein Instrument und eine Fremdsprache lernen. Ihr umfangreiches Wissen hat sie bereits in einem Kapitel in einem Fachbuch und in einem TV-Beitrag weitergegeben, doch mit einem eigenen Buch möchte sie betroffenen Menschen helfen, ihr Leben und ihre Herausforderungen früher verstehen und einordnen zu können.

Frau Bongè kann heute als Expertin ihrer Krankheit bezeichnet werden. Anderen Menschen rät sie, sich selbst anzunehmen, mit allem was zu einem gehört.

Interview mit Franz Moosbauer,

stellvertretender Leiter des Teams am Wertstoffhof Kempten Schumacherring

am 18.06.2020

Einblick in das schicksalhafte Leben eines Allgäuers

Der stellvertretende Leiter des Wertstoffhofes Kempten Schuhmacherring hat in seinem Leben schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen und wie er es schafft, trotz Schwierigkeiten und Herausforderungen eine positive Lebenseinstellung zu wahren. 

Franz Moosbauer wurde in Immenstadt geboren und ist im nahe gelegenen Burgberg im Allgäu aufgewachsen. Seine tiefe Heimatverbundenheit wird im Gespräch immer wieder deutlich. Er betont mehrfach, dass das Leben auf dem Land noch ganz anders ist als in der Stadt. Hier fühlt er sich wohl, wo die Menschen sich kennen und Nachbarschaftshilfe zur Selbstverständlichkeit gehört. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern, obwohl der Allgäuer nun seit circa 20 Jahren in Kempten wohnt und auch hier viele Bekanntschaften pflegt.

Nach einer Maurerlehre und der erfolgreich abgeschlossenen Gesellenprüfung arbeitete er 15 Jahre in seinem Beruf. Auf dem Bau kam er vermehrt in den Kontakt mit Alkohol, welcher in seinem weiteren Leben immer wieder Probleme verursachte. Es folgten Tätigkeiten im Lager und in der elterlichen Landwirtschaft. Doch auch hier hatte er kein Glück. Inzwischen war der fleißige Burgberger verheiratet und hatte einen Sohn, der große Begeisterung an der Arbeit seines Vaters und der Landwirtschaft zeigte. Im Jahr 1996 ereignete sich ein folgenschwerer Arbeitsunfall, der ihn nachhaltig prägte. Gemeinsam mit seinem vierjährigen Sohn brachte er das Jungvieh auf die Alpe und kam dabei mit dem Traktor vom Weg ab. Den kleinen Jungen konnte er aus der landwirtschaftlichen Maschinen retten, stürzte jedoch selbst den Hang hinunter und wurde dabei schwer verletzt. Bis heute ist ihm nicht bewusst, dass er seinem Sohn das Leben gerettet hat, sondern macht sich Vorwürfe, dass sein Kind den Unfall mitansehen musste. Im Krankenhaus kämpfte er viele Monate um sein Leben und erfuhr dabei viel Hilfe und Unterstützung von den Ärzten und Krankenschwestern. Sein Optimismus hat ihn durch diese Zeit geleitet und einen unerbittlichen Lebenswillen entwickeln lassen. Wie von den Fachkräften vorhergesagt, gestaltete sich auch die Zeit nach den Rehamaßnahmen schwierig, denn in seinem Heimatdorf war nichts mehr wie zuvor. Der Unfall hatte alles verändert und ein Anknüpfen an das frühere Leben war nicht mehr möglich. Nach schweren Monaten, in denen er auch körperlich immer schwächer wurde, musste er ins BKH Kempten eingeliefert werden. Mit der Hilfe der Sozialpädagogen vor Ort und dem Team des HOI Vereins wurde er professionell in allen Angelegenheiten unterstützt und fand so zurück in einen strukturierten Alltag. Er konnte wieder eine eigene Wohnung in Kempten anmieten und in dem Arbeitsprojekt am Wertstoffhof sein Wissen aus der Baubranche einbringen. Gemeinsam mit dem Verein ist er an seinen Aufgaben gewachsen und steht wieder fest und zuversichtlich im Leben. Dem HOI Verein hat er dabei viel zu verdanken, denn hier wurde er in guten und in schlechten Zeiten immer angenommen und unterstützt.

Heute hat er sich durch seinen Fleiß und seine besondere Persönlichkeit zum stellvertretenden Leiter hochgearbeitet, der überall für sein Interesse und dem besonderen Feingefühl gegenüber seinen Mitmenschen geschätzt wird. Nicht nur den Kollegen und Mitarbeiter/innen des Vereins, sondern auch den Kunden kann er immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern und ein Stück von seinem Lebensmut weitergeben.

In seiner Freizeit schlendert er gerne durch die Innenstadt von Kempten, doch am liebsten besucht er immer noch die Familie im heimischen Burgberg. Sein ganzer Stolz ist dabei sein Enkelkind.

Jeder muss seinen eigenen Weg finden, aber es ist gut, dabei unterstützt zu werden. Die Geschichte von Franz Moosbauer ist von Schicksal, Schwierigkeiten und Herausforderungen geprägt, doch er zeigt, dass mit der richtigen Einstellung alle Hürden gemeistert werden können.

 

Text – Interview mit Olli Mladek

 

„Ich lache gerne und über vieles, weiß aber dennoch ernste Situationen einzuschätzen“

Der geborene Kemptener Olli Mladek wird im August 29 Jahre alt. Er wuchs im Kreise seiner Familie auf und ist seit seiner Geburt Kempten treu geblieben. Mit der Volljährigkeit kam für ihn die Selbstständigkeit. Seit seinem 21. Lebensjahr wohnt er nun in seiner eigenen Wohnung. Als Jugendlicher erlernte er den Beruf des Maschinenanlagenführers. Die Ausbildung wurde jedoch nicht beendet, da sich Herr Mladek in diesem Beruf überfordert fühlte. Danach kamen Nebenjobs im Lager oder etwaige Berufstätigkeiten über eine Zeitfirma. Durch das ABW der Caritas ist er zum HOI Verein gekommen und hatte 2017 das Glück am Wertstoffhof Schumacherring eine Arbeit zu beginnen.

 

Diese Arbeit bereitet ihm große Freude. „Der Kontakt zu anderen Menschen und der soziale Umgang gefallen mir gut. Ich habe viele Stammkunden, mit denen ich regelmäßig in Kontakt bin und ich freue mich wenn ich Kunden zum Lachen bringen kann.“ Unterstützung bekam er von der studentischen Hilfskraft am Wertstoffhof. „Die Zusammenarbeit mit ihr macht mir großen Spaß. Sie half mir außerdem meinen sozialen Umgang mit anderen Menschen zu verbessern.“ Stolz macht ihn somit, ein Lob von der Kundschaft zu bekommen. „Aber auch über die Unterstützung von Frau Schoor und Herr Drechsler in Bürokratieangelegenheiten freue ich mich sehr.“ Herr Mladek ist stolz darauf, dass er seit Beginn der Arbeit nicht einmal aufgrund von Krankheit gefehlt hat oder zu spät gekommen ist. Herausforderungen in der Arbeit sieht er nicht, im Gegenteil, es freut ihn, dass er sich die Arbeitszeit nach seiner Leistungsfähigkeit einteilen kann. So konnte seine wöchentliche Struktur im Leben verbessert werden, auch wenn er ab und zu vor Planungsherausforderung am Tag der Arbeit steht. „Sobald ich aber zur Arbeit los laufe, geht es mir gut und ich freue mich darauf.“ Letztendlich gab ihm diese Arbeit die Möglichkeit, „wieder rauszukommen“, mit Menschen in Kontakt zu treten und seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

 

Regelmäßigen Freizeitaktivitäten geht Herr Mladek aktuell nicht nach, er genießt lieber die Ruhe zu Hause. Spaß in seiner Freizeit findet er dennoch beim Restaurieren von Motorsägen.

 

Dass Herr Mladek, im Gegensatz zu früher, „nicht mehr ganz so hilflos und planlos“ in allen Bereichen des Lebens ist, macht ihn sehr zufrieden. Für die allgemeine Unterstützung durch das ABW der Caritas und dem HOI Verein ist Herr Mladek sehr dankbar. Andererseits fehlt ihm der finanzielle Aspekt, mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Er würde gerne einmal in den skandinavischen Ländern Urlaub machen oder öfters öffentliche Veranstaltungen besuchen. Ein Traum von ihm wäre, sich ein eigenes Motorrad leisten zu können.

 

Herr Mladek wünscht sich, noch viele weitere Jahre auf dem Wertstoffhof bleiben zu können. Er hofft weiterhin auf viel Bestätigung und positiver Rückmeldung der Kundschaft. Ziel von ihm ist, private Pflichten mit Unterstützung wahrnehmen zu können und in Zukunft gesundheitlich stabil zu bleiben.

 

 Text – Interview mit Patric Stahl

 

„Lebe jeden Tag als wäre es dein Letzter!“

 
 

Der 30-jährige Patric Stahl kommt ursprünglich aus Ehingen, in der Nähe von Ulm. Aus familiären Gründen zog er vor 12 Jahren nach Kempten und wohnt nun seit 8 Jahren in seiner eigenen Wohnung. Sein Berufsleben startete er mit einer Lehre als Maurer in Ravensburg. Im Anschluss arbeitete er als Zeitarbeiter in verschiedenen Berufen, u. a. im Bereich der Gebäudereinigung oder als Bodenverleger. Danach folgte eine 2-jährige Zeit der Arbeitslosigkeit. Währenddessen ließ er sich zum Rettungsassistenten ausbilden und arbeitete anschließend ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Durch eine Maßnahme des Jobcenters kam er dann zum HOI Verein, bei dem er anfangs im Dienstleitungsservice bei Umzügen half und Malerarbeiten verrichtet. Seit April dieses Jahres ist er nun beim Gebrauchtwarenkaushaus „KaufHOIs“ beschäftigt.

 

Herr Stahl ist glücklich mit der Arbeit; seine Aufgabe ist das Abholen und Aufbauen der gebrauchten Möbel. „Der HOI Verein hat mir wieder eine Struktur und einen geregelten Rhythmus ins Leben gebracht.“ Außerdem gibt ihm die Arbeit Kraft. Als Herausforderung sieht Herr Stahl, „dass man zu allem bereit sein muss“, denn man weiß nie auf welche Gegebenheiten man sich beim nächsten Auftrag einstellen muss. So kann es sein dass große, schwere Möbelstücke unversehrt aus dem 5. Stockwerk getragen werden müssen, auch wenn das Treppenhaus sich als sehr klein entpuppt. Dann ist oftmals Improvisation gefragt. Besonders Spaß macht ihm die Arbeit im Team. Jedoch stört es ihn, wenn manche Arbeitskollegen ihm nichts zutrauen. Das findet er schade, denn er war früherer bereits in mehreren Handwerksberufen tätig. Verbesserungswürdig findet Herr Stahl die Anzahl des Personals: „Man benötigt mehr Personal, um den Arbeitsaufwand zu stemmen.“

 

Sich selbst beschreibt Herr Stahl als „Naturfreak“. Seine freie Zeit genießt er am Wochenende u. a. als Hobby-Fußballspieler auf dem Kunstrasenplatz, um mit seinen Freunden zu bolzen. „Hauptsache raus aus der Bude“ und das „bei Wind und Wetter“. Eine weitere große Leidenschaft ist das Radfahren. Seine längste zurückgelegte Strecke bisher ging über 1.500 km. Damals fuhr er von Oberstdorf über den Flüelapass in die Schweiz. Er ist stolz darauf ein Rennrad zu besitzen, „aber momentan fahre ich nur noch die Strecke Oberstdorf – Kempten“. Allgemein ist er viel in der Natur unterwegs, so liegt er auch gerne mal am Öschlesee.

 

Viel Kraft in seinem Leben gibt im der Zusammenhalt mit seiner Mutter. Er ist glücklich darüber, dass es seiner Mutter nach schwerer Krankheit gesundheitlich wieder besser geht. Mit Freunden treffen bereitet ihm ebenfalls Freude. Ihm ist es wichtig „einfach am Leben Spaß zu haben“. Er ist froh, dass er zu seinen Kindern, zwei gesunden Jungs im Alter von 4 und 5 Jahren, regelmäßigen Kontakt hat.

 

Herr Stahl träumt von einer Zukunft als Vollzeitkraft beim HOI Verein, von Gesundheit in der Familie und einer festen Partnerin. Ganz wichtig wäre ihm, dass er „bis zur Rente weg vom Arbeitsamt“ ist.

„Ich kann’s nur anbieten, andere Leute sollten das vielleicht auch versuchen. Nicht so wie ich, ewig da rumdümpeln.“

„Ich kann’s nur anbieten, andere Leute sollten das vielleicht auch versuchen. Nicht so wie ich, ewig da rumdümpeln.“

Geboren wurde René Müller in Halberstadt in Sachsen-Anhalt (DDR). Mit 1 ½ Jahren zog seine Mutter mit ihm nach Thale im Bodetal (Sachsen-Anhalt), wo sie mit dem Stiefvater und einer zwei Jahre älteren Stiefschwester zusammen zogen. Es folgten viele weitere Umzüge, bis Herr Müller am 12. August 2015 zum HOI-Verein nach Kempten kam. Auslöser war eine Alkohol-Entgiftungskur und die Langzeit-Therapie in Hirtenstein und die Empfehlung einer Mitarbeiterin. „Da ging’s ja dann darum: Was mache ich, wenn die Therapie zu Ende ist? Wo gehe ich hin? Zurück wollt ich nicht.“ Im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW) wohnt Herr Müller nun knapp ein Jahr in der Wohngemeinschaft in Waltenhofen-Rauns. Das Leben dort ist „ganz okay“, was so viel bedeutet wie gut. Die Mitbewohner sind eine wichtige Stütze für ihn, wie ein zwischenzeitlicher Krankheitsrückfall verdeutlicht. „Also das war halt gut, dass die dann auch wieder auf mich zugekommen sind: Jetzt komm halt raus da aus deinem Kabuff. Hätten ja sagen können: Komm, lass doch das Arschloch da drüben.“ Dennoch habe es gedauert, bis das Vertrauen den Mitbewohnern gegenüber wieder da war. „Es hat mich keiner fallen gelassen“, weiß Herr Müller nach der Überwindung der schwierigen Situation zu schätzen.

 

Von Beruf ist Herr Müller gelernter Schlosser. In diesem Beruf war er drei Jahre lang tätig, bevor er sich auf Isolierungen spezialisierte. „Ich hab’s nicht gelernt, aber ich hab’s lang genug gemacht. Und das ist eigentlich eine schöne Arbeit. Ab und zu juckt’s halt ein bisschen.“ Beim HOI-Verein begann Herr Müller schnell damit, sich überdurchschnittlich aktiv im vereinseigenen Dienstleistungsservice zu engagieren, zunächst gegen Ehrenamts-Pauschale. Seit kurzem ist Herr Müller - gefördert vom Jobcenter – befristet bei HOI! angestellt. Nach 10 Jahren Arbeitslosigkeit hat er nun wieder einen Arbeitsvertrag erhalten, was für ihn ein sehr wichtiger Schritt ist. Die Arbeit gefällt ihm. „Nee, ohne Schmarren, ich mach das schon gerne, weil das ist halt ne Arbeit, wo ich immer in Bewegung bin. Das ist zwar für mein Kreuz nicht immer gut, weil’s ja teilweise auch schwer ist. Ist ja klar. Aber, es macht halt Spaß, weil die Kollegen sind okay.“

 

Die Freude an der Bewegung zeigt sich auch in Herrn Müllers Begeisterung für das Fahrradfahren. Wind und Wetter können ihn nur sehr selten davon abhalten, den ca. 7 Km langen Arbeitsweg von Waltenhofen - Rauns bis Kempten auf dem Drahtesel zu bewältigen. Er habe bisher aber auch relativ Glück mit dem Wetter gehabt, spielt Herr Müller das Lob Frau Krappmanns herunter. „Ja gut, wenn du in der Arbeit dann schon patschnass ankommst, dann hast du natürlich Lust wie ne fette Sau hupfen kann. Ist ja klar. Aber bei der Arbeit wird’s so schnell warm, so schnell trocknet das noch nicht mal im Trockner.“

 

Kontakt zu seiner Familie hat Herr Müller heute keinen mehr. „Teilweise überleg ich: Mei, das wär doch mal schön. Aber das ist dann innerhalb von `ner Viertelstunde wieder weg. Ich bin halt lieber einer, der alleine durch die Gegend eiert.“  Motivation und Durchhaltevermögen findet er in seinen Kollegen, Mitbewohner/-innen und den HOI-Mitarbeiter/-innen. „Ich bin halt nicht ganz alleine. Also, es ist eigentlich immer jemand da, wenn irgendwas sein sollte.“ Auch die abwechslungsreiche Struktur schätzt er sehr, denn Herr Müller ist einer der wenigen Klienten, der quasi das Rundumpaket des HOI-Vereins in Anspruch nimmt.

 

Nachdem er viel herumgekommen ist, versucht Herr Müller, im Allgäu Fuß zu fassen. Er träumt von einer eigenen kleinen Wohnung und einer Anstellung in Vollzeit in einem normalen Job. „Könnt ich mir vorstellen, aber da muss man ja erst mal das Richtige finden. Und da bin ich mir noch nicht sicher, wie und was. Ich glaub, das ist noch ein bisschen zu früh, wenn ich jetzt gleich Vollgas mach.“ Als Hobby könnte er sich Tischtennis vorstellen. „Das würd mich schon mal interessieren, aber ich weiß nicht. Entweder hab ich nicht den Mumm, da hin zu gehen oder wenn ich Zeit hätte, hin zu gehen, dann hab ich keine Lust oder es regnet.“ „Ich mache viel Sport - vor dem Fernseher. Ich bin ein sportbegeisterter Fernsehgucker“, scherzt er. Anderen Betroffenen möchte er seine Erfahrungen mitgeben, nicht erst „ wenn’s schon fast zu spät ist anfangen damit, was zu machen. Also, was zu unternehmen, so mein ich. Das hätt ich normal vor zwanzig Jahren schon machen sollen.“

 

 

„Dramatik ist in meinem Leben, keine Frage, aber der Humor ist geblieben“

 

Interview mit Herrn Thaddäus Skorta (*1979, 37 Jahre)

 

Thaddäus Skorta ist als Dreijähriger mit seiner Familie aus Chiechanow / Polen nach Deutschland gekommen; er  wuchs mit seinen beiden Geschwistern in Kempten auf. Er arbeitete für unterschiedliche Zeitarbeitsfirmen, u. A. als Gabelstaplerführer, hat seither gesundheitliche Probleme: „Früher war Arbeit eigentlich ein Muss. Ein Muss war das! Gefallen tut’s da niemandem“. Der Verlust seiner Eltern 2010 und 2012 sowie Streitigkeiten mit den Geschwistern führten zum „Absturz“ von Herrn Skorta, inklusive Drogenkonsums. „Die Situation mit meiner Mutter und mit meinem Vater, glaube ich, wäre nicht so dramatisch geworden, wenn ich schon vorher bei so was (wie HOI) gelandet wäre. Ich bin deswegen auch in der Klinik gelandet, und da war so die Stunde Null.“ In dieser Zeit sei er irgendwie beim HOI gelandet.

 

So verdanke er beispielsweise seine aktuelle Beschäftigung dem HOI!-Verein. Herr Skorta verdient sich im Holzwerkhaus der Diakonie etwas zur Erwerbsminderungsrente dazu. „Die Arbeitszeit ist total genial. Jeder hat so seinen Aufgabenbereich, und die kümmern sich halt um uns.“ Vor allem das „Nagelstudio“ gefällt Herrn Skorta. Hier werden die Nägel aus alten Brettern heraus gezogen. „Und schauen Sie (zeigt auf das neue Regencape): Meine Arbeit ist halt immer draußen – dann macht’s mir mit dem Wetter nichts mehr aus“. 

 

Die Wohnung von Herrn Skorta ist sehr persönlich eingerichtet, mit vielen Fotos und Erinnerungen an seine Eltern. Unter den Erbstücken ist auch der Schrebergarten, den er mit Liebe pflegt und genießt. „Vor einiger Zeit war das unvorstellbar hier, von wegen Hygiene. Ist halt wie `ne zweite Wohnung, ich hab da auch `ne Couch drin; ich hab alles da, Werkzeuge, Grill…Das sind so Hoffnungen, wo ich sag, die Sozialarbeit organisiert dort, wo man was braucht. So alleine alles zu machen, das wär ja ne Katastrophe“.

 

Außerdem liest Herr Skorta gerne und hört Heavy Metal. „Nur die Harten kommen in den Garten… Das ist eine Lebenseinstellung.“ Seinen Alltag meistert er wieder ordentlich und organisiert. Beispielsweise führt Herr Skorta Buch über seine Einnahmen und Ausgaben. „Träume sind Träume und Realität sieht so aus. Und seitdem kämpf ich halt für mein Ding. Man muss irgendwo realisieren.“ Er freut sich über die Erfüllung kleiner Träume, wie den Kauf eines neuen Mofas. Seinen Traum, mit einer Frau und Kindern im eigenen Haus in Polen zu leben, hat er dagegen quasi aufgegeben. „Aber das werde ich wohl nie mehr haben. Ist halt schade, allein hier.“

 

Die Zusammenarbeit mit dem HOI-Verein ist Herrn Skorta sehr wichtig, und er ist zufrieden mit den Leistungen. „Soziale Arbeit für meine Wenigkeit ist top.“

 

Insgesamt ist Herr Skorta mit seiner aktuellen Situation zufrieden. Die Zeit nach den Beerdigungen war schlimm, doch jetzt geht es ihm besser und er hat Hoffnung. „Ich darf halt alles so gesehen. Ich darf halt nur keinen Blödsinn mehr machen.“

„Da wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder!“

Der geborene Allgäuer Franz Liebmann hat als Jugendlicher den Beruf des Landmaschinen-Mechanikers erlernt. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr folgte eine 16-jährige Tätigkeit als Staplerfahrer auf dem Schrottplatz. Danach zog er 5 Jahre lang seine zwei Kinder groß. Nach einer Tumoroperation war Herr Liebmann in den Allgäuer Werkstätten tätig. Es folgte ein Jahr in der Küche der Diakonie, bis er letztendlich im Oktober 2015 beim HOI Verein gelandet ist. Ausschlaggebend war die Unzufriedenheit mit den vorherigen Tätigkeiten.

 

Herr Liebmann fühlt sich nun beim HOI Verein gut aufgehoben. Er konnte wieder ein paar Schritte in seinem Leben nach vorne gehen. „Hier fühle ich mich nicht gehemmt auf meine Ansprechpartner zuzugehen.“ Die Arbeit im Wertstoffhof macht er gerne. Durch die konkrete Aufgabenstellung - meist beim Mischpapier - ist ihm klar, was er zu tun hat. Ihm ist „Schaffen wichtiger als Medikamente“.

Die Leitung unter Herrn Moosbauer findet Herr Liebmann hervorragend, auch mit den meisten Kollegen kommt er gut zurecht. „Mit gewissen Arbeitskollegen läuft die Zusammenarbeit sehr gut, da läuft dann alles automatisch.“ Andererseits findet er manche Kollegen unzuverlässig, dadurch verteile sich die Arbeit manchmal ungerecht. Kollegen sollten sich in seinen Augen partnerschaftlich verhalten: „Manche führen sich auf wie der Chef und wollen mich herumkommandieren.“

Er selbst sieht sich als „fleißigen und zuverlässigen Mitarbeiter“, jedoch fällt es ihm manchmal schwer, die Materialien auseinander zu halten.

 

Seine große Leidenschaft ist Musik. In seiner Freizeit hört Herr Liebmann gerne Schallplatten. Auch kann er eine große Sammlung mit einigen Unikaten vorweisen. Er ist ein fester Bestandteil der Tanzkapelle „The Melodies“, die früher mit Schlager, Volksmusik, Oldies und Evergreens auf Geburtstagen und Hochzeiten Stimmung verbreiteten. Eine Zeit im Männerchor, wo er oftmals Solos singen durfte, kann er ebenso vorweisen. Heute noch spielt er alle 14 Tage Schlagzeug. Sportlich betätigte sich Herr Liebmann lang im Kemptener Eishockey-Verein, wo er damals 2. Bundesliga spielte.

 

Große Unterstützung erhält er von seinen zwei Jungs und von seiner Freundin Monika, mit denen er gerne gemeinsam kocht. Laute Musik und das Singen helfen ihm im Leben. „Ich brauche laute Musik zum Abschalten“. An einem ganz normalen Tag darf seine „Humorbrühe“ (sein Kaffee) nicht fehlen, die ihn glücklich macht.

 

Herr Liebmann beschreibt sich selbst als lässigen und geselligen Typen, der „immer einen lockeren Spruch drauf“ hat. Ihm ist Beschäftigung sehr wichtig, denn er mag keine Langeweile. „Da habe ich das Gefühl, dass ich nicht gebraucht werde.“

 

Herr Liebmann träumt von einem Umzug nach Usedom, wo er am liebsten eine Kneipe aufmachen möchte. Ein weiterer Traum von ihm ist eine Fahrt im Rolls Royce oder Bentley mit einem Chauffeur namens James. Er und seine Monika mit Sonnenbrille auf der Rückbank, im Radio läuft „Dancing Queen“ von Abba. 

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